9. April 2016. Rund 150 Selfpublisher aus dem ganzen Bundesgebiet und Österreich treffen sich in München zum Self-Publishing-Day. Der VFLL war mit einem Stand vor Ort und ich durfte einen Vortrag vor interessierten Autoren halten.
  • Was macht ein Lektor überhaupt?
  • Was ist der Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat?
  • Wie finde ich einen Lektor, der zu mir passt?
  • Und wie gestalte ich die Zusammenarbeit so, dass mein Text und ich bestmöglich von der Arbeit des Lektors profitieren?

Das waren die wichtigsten Fragen, auf die ich in meinem 90-minütigen Vortrag „Mein Lektor – das unbekannte Wesen“ einging.

Was macht ein Lektor eigentlich?

Vortrag auf dem Self-Publishing-Day 2016 in München

Vortrag auf dem Self-Publishing-Day 2016 in München

Ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, ist ein aufwendiger Prozess, der aus verschiedenen Schritten besteht. Das beginnt bei der Ideenfindung und geht über das eigentliche Schreiben, das Lektorat und Korrektorat bis hin zur Vermarktung. Für jeden dieser Bearbeitungsschritte wird es mit Sicherheit einen Lektoratskollegen geben, der seine professionelle Unterstützung anbietet, sei es durch ein Autorencoaching, die Textüberprüfung oder die Hilfe bei der technischen Umsetzung eines Manuskripts in das epub-Format.

 

Der erste Schritt zu einer optimalen Zusammenarbeit ist daher die Überlegung, welchen Leistungsumfang der Autor überhaupt benötigt und buchen will. Das klassische Lektorat ist meist nur ein Angebotsbaustein eines Lektors, der zudem oft noch mit vielen anderen Kollegen aus anderen Bereichen zusammenarbeitet. Wer will, bekommt hier ein ganzes Paket aus einer Hand oder aus einem Netzwerk.

 

Oft – das haben auch die Fragen aus dem Publikum gezeigt – herrscht zudem Unklarheit darüber, was sich eigentlich genau hinter den einzelnen Bearbeitungsschritten verbirgt. Worin besteht der Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat? Wann ist was sinnvoll?

Wie finde ich einen Lektor, der zu mir und meinem Projekt passt?

Entscheidend für eine gelungene Zusammenarbeit ist, dass der Lektor gut zum Projekt und auch zum Autor passt. Professionelle Lektoren sind auf einige wenige Textsorten spezialisiert. Manche bearbeiten nur Kochbücher, andere bieten nur das Lektorat von Werbeanzeigen und Unternehmenskommunikation an. Gleiches gilt für die thematische Ausrichtung: Steuern oder Handarbeit? Mittelalter oder Tiergesundheit?

 

Letztlich ist es eine Reihe von Fragen, die zum passenden Lektor führen, über die ich bereits im Text „7 Fragen, mit denen Sie einen passenden Lektor finden“ ausführlich geschrieben habe. Auch auf das unter Lektoren umstrittene Thema „Probelektorat“ bin ich an dieser Stelle im Vortrag vor den Selfpublishern eingegangen.

Das liebe Geld oder: Was kostet ein Lektorat?

Anschließend ging es um die Kosten eines Lektorats. Da ein Auftrag meiner Meinung nach immer individuell kalkuliert werden muss, war und ist es an dieser Stelle nicht möglich, einen festen Satz zu nennen. Es ist wesentlich weniger aufwendig, einen bereits gut vorbereiteten Text zu bearbeiten als einen, der noch sehr wirr ist. Und das ist nur ein Faktor für die Honorarermittlung. Was ein Lektorat also letztlich kostet, lässt sich nicht pauschal sagen.

 

Aber rund um den Preis lauern viele Fallen auf den Auftraggeber, die für böse Überraschungen sorgen können. Dazu gehört etwa die Frage, welche Leistungen denn nun genau inbegriffen sind. Kontrolliert der beauftragte Lektor auch Abbildungen und Fußnoten in einer Examensarbeit oder nicht? Sieht er bei einem Roman einen Lektoratsdurchgang vor oder arbeitet er mit Erst- und Zweitlektorat? Ist im Angebot die Mehrwertsteuer enthalten oder nicht? (Tipp: Die Umsatzgrenzen, bis zu denen ein Selbstständiger als Kleinunternehmer gilt, sind so niedrig, dass die meisten professionell arbeitenden Lektoren umsatzsteuerpflichtig sind. Wer ein Angebot ohne Mehrwertsteuer erhält, sollte also genau nachfragen, wieso das so ist). Auf welcher Basis wird abgerechnet? Pauschal, nach Stunde oder nach Seite? Wie lang ist eine Seite dann überhaupt?

 

Letztlich ist der beste Tipp, den ich zu diesem Thema geben kann: Angebote genau vergleichen und nachfragen, wenn etwas unklar ist. Aber bei der Entscheidung nicht nur auf den Preis achten. Ein Lektor muss zum Projekt passen, auch wenn die Kosten dann eventuell höher sind.

 

Ein Autor hat übrigens eine ganze Reihe Möglichkeiten, die Kosten zu senken. Das wird oft unterschätzt. Am wichtigsten: Kürzen! Alle Lektoren kürzen und straffen einen Text. Wir sind die ersten Leser und die Fragen: „Warum lese ich diesen Abschnitt hier gerade?“ oder „Welche Funktion hat diese Figur?“ sind Leitfragen unserer Arbeit. Je kritischer ein Autor hier selbst an seinen Text und auch an lieb gewonnene Passagen geht, desto besser. Ein guter Weg ist auch, Testleser um ein ehrliches Feedback und um konkrete Kürzungsvorschläge zu bitten. Bei Ratgebern und Sachbüchern ist es sinnvoll, mit den Formatvorlagen in Word zu arbeiten. So wird die Gliederung eines Texts viel deutlicher. Ebenso fallen dann Mängel in der Struktur auf, wenn beispielsweise auf eine Überschrift ersten Grades nur eine Überschrift zweiten Grades folgt oder ein Kapitel fünf Seiten lang ist, das nächste aber 55 Seiten. Solche Punkte weisen auf eine Unwucht im Text hin, die der Autor schon selbst erkennen und beheben kann. Das bedeutet weniger Aufwand im Lektorat und damit geringere Kosten.

Die Optimierung der Zusammenarbeit

Ist das Manuskript im Lektorat, liegt die Hauptarbeit natürlich bei uns, den Lektoren. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Autor dann erst einmal für mehrere Wochen in den Urlaub verabschieden sollte (wie ich es schon erlebt habe). Als Lektorin bin ich auf die Zusammenarbeit mit dem Autor angewiesen. Das beginnt beim Briefing. Worauf soll ich besonders achten, welche Schwachpunkte im Text sind dem Autor eventuell selbst bewusst? Was ist dem Autor wichtig? Wie tief darf, wie tief soll ich in den Text eingreifen? Liegen erst einmal ein paar lektorierte Seiten vor, ist es sinnvoll, dass sich Autor und Lektor noch einmal gründlich austauschen: Stimmt die Richtung, die der Lektor eingeschlagen hat? Oder wünscht sich der Autor ein anderes Vorgehen? Kommt er mit den eingefügten Kommentaren und Überarbeitungen klar? Hier ist die Mitarbeit des Autors gefragt, auch und gerade beim letzten Punkt. In den meisten Fällen erfolgt die Bearbeitung des Texts im Überarbeiten-Modus in Word. Je sicherer der Autor mit dessen Funktionen umgehen kann, desto unproblematischer läuft die Zusammenarbeit auf technischer Ebene.

Wie lässt sich Qualität im Lektorat erkennen?

„Lektor“ ist kein geschützter Begriff, jeder, der will, kann sich so nennen. Damit ist auch Ramschangeboten mit einem entsprechend niedrigen Qualitätsstandard Tür und Tor geöffnet. Die Frage, wie sich Qualität im Lektorat zeigt, ist daher entscheidend. Aus meiner Sicht der wichtigste Punkt: Selbst wenn ein Lektor sehr tief in einen Text einsteigt und eingreift, ist es noch der Text des Autors und nicht der des Lektors. Die Aussage ist noch die gleiche wie zu Beginn des Lektorats, der persönliche Stil ist erkennbar. Dennoch liest sich der Text jetzt flüssiger.

Noch Fragen?

Zum letzten Punkt meines Vortrags, der Fragerunde, sind wir gar nicht mehr wirklich gekommen. Zum einen, weil wir aufgrund technischer Schwierigkeiten* erst mit Verspätungen starten konnten – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die beiden Mitarbeiter, die den Beamer doch noch zum Laufen gebracht haben –, zum anderen, weil sich schon zwischenzeitlich viele anregende Gespräche aus den Fragen des Publikums ergeben hatten. Letztlich blieb mir an dieser Stelle nur der Verweis auf den Stand und die Lektoratssprechstunde des VFLL auf dem Self-Publishing-Day, über die meine Kollegin Petra Seitzmayer im Blog des VFLL schon berichtet hat.

 

Sie haben Fragen zu einem dem Themen? Sie suchen eine Referentin für einen Vortrag oder einen Workshop zum Thema Lektorat oder Zusammenarbeit zwischen Lektor und Autor? Dann rufen Sie mich an oder schreiben Sie mir eine E-Mail.

 

* Die waren auch der Grund, warum die Präsentation so schief an der Wand hing: Als der Beamer erst einmal lief, haben wir ihn nicht mehr angerührt …