In der Diskussion über ein Interview mit einem Verlagslektor ging es hoch her. Sind Verlage nur profitgierige Geier? Oder auf der anderen Seite die Hüter des Geistes? Die Wahrheit liegt wie so oft wohl irgendwo in der Mitte.

Die Aussagen des Verlagslektors auf Spiegel Online lösten eine heftige Diskussion im Kommentarbereich aus. Die Beiträge reichten von „Der Mann hat ja völlig recht“ bis „Man sollte alle Verlage komplett abschaffen“. Ein paar Argumente habe ich mir einmal genauer angesehen.

Die Aussagen des Verlagslektors habe ich an anderer Stelle bereits genauer unter die Lupe genommen.

Verlage sind alle gierig, Qualität hat keine Chance

Qualität spiele keine Rolle, es gehe ausschließlich um die Marktchancen, also die Verkäuflichkeit des Buchs, beurteilen viele Kommentatoren die Arbeit eines Verlagslektors. Es mag Verlage geben, in denen das so und nicht anders ist. Verlagslektoren, die bei einem Manuskript ausschließlich darauf schauen (müssen), ob sich voraussichtlich genügend Leser finden werden, um nicht nur die Kosten wieder einzuspielen, sondern auch einen satten Gewinn abzuwerfen. Das ist grundsätzlich auch völlig legitim, Verlage sind Wirtschaftsunternehmen wie andere auch. Oberstes Ziel ist der Gewinn. Niemand würde doch beispielsweise von einem Zahnpastahersteller erwarten, ein Produkt zu entwickeln und mühselig am Markt zu platzieren, von dessen Erfolg im Haus niemand überzeugt ist (zumal die Konkurrenz im Buchmarkt ungleich größer ist als im Zahnpastamarkt).

 

Dennoch ist dieses Pauschalurteil geradezu absurd falsch: Es gibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Angaben des Adressbuchs des Deutschen Buchhandels rund 24.000 Verlage. Die lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren. Jeder Verlag hat sein eigenes Profil, setzt eigene Schwerpunkt, hat andere Ziele. Hinter vielen dieser Unternehmen stehen Enthusiasten, die mit großem persönlichen und auch finanziellen Aufwand wunderschöne Bücher produzieren: sowohl inhaltlich als auch in der Aufmachung. Ein Blick auf die Liste der „Schönsten deutschen Bücher“, die von der Stiftung Buchkunst prämiert werden, reicht aus, um das Pauschalurteil zu widerlegen.

Die Verlage haben keine Ahnung, die haben ja sogar „Harry Potter“ abgelehnt

Dieses Argument war mehrfach zu lesen. Richtig ist, dass Joanne K. Rowling ihr Manuskript bei zahlreichen Verlagen eingereicht und auch viele Absagen erhalten hatte, bevor es mit einem Vertrag klappte. Hier gilt die alte Regel: Im Nachhinein ist man immer klüger! Es gab ja auch Experten, die sich nie und nimmer vorstellen konnten, dass Otto-Normalbürger je einen Computer brauchen könnte. Oder ein tragbares Telefon.

 

Ein Erfolg wie „Harry Potter“ lässt sich nicht vorhersagen und nicht planen. Ich kenne andere Kinder- und Jugendbücher aus dem Fantasy-Bereich, die ich persönlich ebenso gut finde wie die Geschichte rund um den Zauberlehrling. Warum ist diesen kein so großer Erfolg beschieden? Das weiß niemand! „Harry Potter“ ist eine in der Entwicklung der Verkaufszahlen und der Vermarktung absolut einmalige Erscheinung am Buchmarkt und ist als Vergleichsmaßstab ungeeignet.

 

Aus den vielen Absagen zu schließen, dass Lektoren grundsätzlich unfähig seien, ist wohl kaum angemessen. Und: Auch Joanne K. Rowlings Serie ist ja in einem Verlag erschienen, zumindest ein Lektor hat also das Potenzial des Manuskripts erkannt. Übrigens war die erste Auflage eher klein. Wie gesagt, Erfolg lässt sich nicht vorhersagen …

Die Meinungsfreiheit in Gefahr?

Dieses Argument habe ich tatsächlich gefunden: Würden nur einige wenige Personen in den Verlagen darüber entscheiden, was veröffentlicht wird, stelle das einen Eingriff in die Meinungsfreiheit dar. Äh, nein, das stimmt natürlich nicht! Jeder kann veröffentlichen, was auch immer er will. Zumindest solange er sich dabei an geltende Gesetze hält, also in seinen Texten niemanden beleidigt, keine Anleitung zum Bombenbau gibt, keine Volksverhetzung betreibt etc. Im Gegenteil, noch nie war es so einfach und preiswert wie heute, seinen eigenen Text zu publizieren – etwa als Blogger oder als Selfpublisher.

 

Die Frage ist eher, wer eventuell anfallende Kosten übernimmt. Wer als Autor einen Verlagsvertrag erhält (und dabei nicht gerade an einen Druckkostenzuschussverlag geraten ist, das ist aber ein anderes Thema), hat mit den Kosten rund um die Buchproduktion nichts weiter zu tun, die übernimmt der Verlag. Im Gegenteil, als Autor ist man sogar an den Verkäufen beteiligt.

 

Aber niemand hat ein Recht darauf, dass jemand anderes die Kosten für die Veröffentlichung seines Buchs trägt. Wer sein Glück als Selfpublisher versucht, muss alles selbst bezahlen und veranlassen. Das relativiert dann auch den Vorwurf, die Tantieme, die Verlage an Autoren ausschütten, seien ja viel zu niedrig. Fairerweise muss man die Ausgaben für

 

  • Lektorat,
  • Korrektorat,
  • Covergestaltung,
  • Vermarktung
  • und eventuell noch den Vertrieb

 

ehrlich zusammenrechnen. Und dann ist da noch der Zeitaufwand, den man als Selfpublisher hat, um all das zu managen. Dann stellt man schnell fest, dass doch einiges an Kosten und Aufwand anfällt, bis ein schönes Buch, das Chancen auf Erfolg hat, auf den Markt kommt. Diese Kosten muss auch ein Verlag erst einmal erwirtschaften.

 

Keine Frage: Für einen Selfpublisher ist es ein großer, auch ideeller Erfolg, wenn er von seinem Titel 1.500 bis 2.000 Stück verkauft. Rein wirtschaftlich gesehen decken solche Bücher im Verlagsbereich meist gerade einmal die Kosten.

„Dann gehe ich halt zu Amazon“

Viele der von Verlagen abgelehnten Autoren versuchen ihr Glück als Selfpublisher über Amazon. Und das ist auch gut so, bietet diese Plattform – ebenso wie ähnliche Plattformen auch – doch allen, wirklich allen, die Möglichkeit, ihr Geschriebenes zu veröffentlichen.

 

Mir ist bei diesem Argument vor allem aufgefallen, wie groß Fixierung auf diesen einen Anbieter ist. Amazon ist nur einer der Dienstleister für Selfpublisher. Er bietet viele Vorteile, aber auch Nachteile. Sinnvoll ist es in der Regel, über verschiedene Distributoren zu gehen, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Wer nur über Amazon veröffentlicht, hat beispielsweise keine Anbindung an den Buchhandel, die für viele Autoren aber wichtig ist, weil sie beispielsweise Lesungen vor Ort vereinbart haben. Auch eine Listung in anderen E-Books-Shops und die Lektüre beispielsweise auf einem Tolino-Reader erfordern es, über andere Distributoren zu gehen.

 

Wenn Sie beim Selfpublishing Unterstützung brauchen, helfe ich Ihnen gern weiter.

 

Und noch etwas anderes ist mir bei diesem Argument aufgefallen: Den Verlagen drohen unter Umständen die Autoren wegzulaufen. Wenn ein Selfpublisher einmal richtig erfolgreich ist – warum sollte er zu einem Verlag wechseln? Autorenpflege war und ist wichtig, auch bei Hobbyschriftstellern, die bisher noch keinen Bestseller geschrieben haben. Wer weiß, vielleicht ist ja das nächste Buch der Verkaufsschlager schlechthin? Bei welchem Verlag dieses Manuskript dann vorgestellt wird, hängt auch davon ab, wie im Vorfeld mit dem Verfasser umgesprungen wurde.

 

Mit einem Autoren-Bashing, wie es der Verlagsautor im Interview betrieben hat und wie es leider immer noch so oft vorkommt, ist meiner Meinung nach niemandem geholfen, am wenigsten den Verlagen.

 

Abbildung: sdecoret – fotolia